Leben in Ungewissheit – ohne Würde und Zukunft 

Immer wieder werden an den EU-Außengrenzen Flüchtende illegal zurückgedrängt (“Push-backs”). Medien und internationale Nichtregierungsorganisationen berichten, dass dabei regelmäßig Gewalt angewendet wird – ob auf dem Balkan an der Grenze zwischen Bosnien und Herzegowina und Kroatien, an der griechisch-türkischen Grenze, auf dem Mittelmeer, in den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla oder auf den Kanarischen Inseln. Auch viele Kinder sind dieser Gewalt ausgesetzt.

In den Flüchtlingscamps an den EU-Außengrenzen herrschen chaotische Zustände, denen viele Kinder oft schutzlos ausgeliefert sind. Chronische Überbelegung führt zu massiven Hygieneproblemen. Infektionskrankheiten wie die Krätze breiten sich aus. Kinder haben in den Lagern kaum Möglichkeiten zu lernen. Das gefährdet ihre  Zukunft. Hilfsorganisationen vor Ort beobachten Entwicklungsverzögerungen.

Auf den Inseln verletzen sich manche Kinder selbst, um auf dem Festland medizinisch behandelt zu werden. Es gab auch schon Suizidversuche, die durch traumatische Erfahrungen wie dem Brand in Moria ausgelöst wurden. In Bosnien und Herzegowina teilen sich Kinder Unterkünfte mit erwachsenen Männern oder leben auf der Straße – selbst im Winter bei Temperaturen unter null Grad. Zahlreiche Kinder werden Zeugen oder sogar selbst Opfer von Gewalt und Ausbeutung.

Die derzeitigen, aber auch die vorgeschlagenen Regelungen zur Aufnahme von flüchtenden Kindern in die EU, ob mit ihren Familien oder unbegleitet, sind selbst für Fachleute kaum überschaubar. Kinder verbringen oft eine lange Zeit in einem rechtlichen Schwebezustand, ohne zu wissen, wann es weiter geht. Eine gute Unterbringung, rechtlicher Beistand und ein Vormund für unbegleitete Kinder müssen in allen Verfahren gewährleistet werden – das ist aktuell meist nicht der Fall.

Kinder müssen unabhängig vom Stand des Asylverfahrens Zugang zu Bildung erhalten. Das Kinderrecht auf Bildung darf nicht aus migrationspolitischen Gründen relativiert werden. Von den vorgeschlagenen Grenzverfahren müssen Kinder ausgenommen werden. Haft ist niemals mit dem Kindeswohl vereinbar.

Icon Gruppe-Kinder

"The Game" Viele Familien, aber auch unbegleitete Minderjährige haben schon dutzende Male versucht, die Grenze zur EU zu passieren. In Bosnien und Herzegowina bezeichnen sie diese Versuche als "The Game". Doch es ist alles andere als ein Spiel. Denn meistens gelingt es ihnen nicht die Grenze zu überqueren, weil sie von der kroatischen Polizei oft unter brutaler Gewaltanwendung daran gehindert werden.

Ich träume oft von der Brutalität der Polizisten in den kroatischen Wäldern. Einmal ließen sie uns stundenlang bergauf gehen. Dabei schlugen sie uns. Einer der Polizisten hatte daran seine Freude. Die anderen sagten ihm, er solle damit aufhören, aber er machte weiter.

Abdel*, 18 Jahre alt Der Junge floh aus Pakistan und versuchte schon mehrmals, die Grenze zu Kroatien zu überqueren.

Wir fordern die Einhaltung von Kinderrechten an den EU-Außengrenzen. Ohne Wenn und Aber!

Pushbacks verfolgen

Wir fordern die Klärung der politischen und behördlichen Verantwortung für die oft gewalttätigen illegalen Pushbacks an den EU-Außengrenzen. Sie müssen als Rechtsverstöße geahndet werden und politische Konsequenzen haben. Zudem ist ein unabhängiges Monitoring nötig, in das zivilgesellschaftliche Akteure und unabhängige (Kinderrechts-)Organisationen einbezogen werden. 

Kinderrechte wahren

Die Aufnahme von Kindern an den EU-Außengrenzen muss im Einklang mit der UN-Kinderrechtskonvention erfolgen: Kinder müssen umgehend angemessen versorgt werden. Dazu gehört auch der Zugang zu Bildung. Jede Art von Haft oder Freiheitsbeschränkung ist inakzeptabel und kann Kinder traumatisieren.

Legale Zugangswege schaffen

Es müssen legale Zugangswege für Kinder und ihre Familien geschaffen werden, insbesondere durch Familien­zusammen­führung sowie nationale und kommunale Aufnahmeprogramme. In der EU angekommene Geflüchtete müssen umgehend auf die Mitgliedsstaaten verteilt werden. So kann Kinderrechts­verletzungen vorgebeugt werden.

© Angelos Tzortzinis / AFP

Das Lager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos brannte im September 2020 vollständig nieder. Mehr als 13.000 flüchtende Menschen lebten dort, mehr als viermal so viele wie eigentlich zulässig. Als das Lager brannte, flohen die Menschen panisch vor dem Feuer und waren tagelang ohne Unterkunft und Schutz. Für viele Kinder waren der Brand und die Flucht traumatisierend.

*Name geändert